SpaceX und Tesla haben jeweils Sonderausschüsse gebildet und beginnen, ernsthaft über eine Fusion zu diskutieren. Wie überzeugend dieses Geschäft ist, hängt davon ab, wie sehr du dir die Geschichte Musks erzählst – „zum Mars, um das Licht des Bewusstseins zu verbreiten“ –, die er in dieser Woche auf dem Quartalscall von SpaceX und bereits früher in den S-1-Unterlagen so erzählt hat. Aber zieht man den narrativen Mantel ab, werden die Fusion wirklich angetrieben von der blank liegenden Finanzlogik und von Musks eigenen, ständig wachsenden Appetit auf Kontrolle.
Das technologische Grundgerüst der Geschichte ist eigentlich sehr klar: Wenn der Mensch dauerhaft auf dem Mond oder dem Mars überleben will, gibt es derzeit weder ausgereifte Technologien, noch sind sogar die Rohinformationen vorhanden, um Technologien aufzubauen – das heißt, es muss auf Roboter gesetzt werden. Doch die Signalverzögerung zwischen der Erde und Mond bzw. Mars macht das ferngesteuerte Bedienen von Robotern praktisch unmöglich, und so werden KI-Roboter, die mit minimaler irdischer Aufsicht autonom Entscheidungen treffen, zum nächsten Glied in dieser Science-Fiction-Kette. Musk behauptet, Teslas Autonomes Fahren, SpaceX' großes Sprachmodell, Teslas humanoide Roboter sowie die auf beiden Seiten dringend benötigten Rechenzentren würden gemeinsam diese Technologie zur Reife treiben.
Die Finanzbücher zeichnen ein anderes Bild. Im Quartalsbericht für das dritte Quartal benannte SpaceX sein KI-Geschäft in „Superintelligence“-Abteilung um und verzeichnete einen Umsatz von 7,56 Milliarden US-Dollar, wobei der Posten „SI Solutions- und Infrastrukturumsatz“ auf 7 Milliarden US-Dollar hochschnellte – mehr als das Dreifache des Vorquartals. Analysten urteilen, dass der Großteil dieses Geldes aus der Vermietung von Rechenleistung an Anthropic und Google stammt, während Grok selbst nur einen begrenzten Beitrag leistete und das übernommene Cursor 608 Millionen US-Dollar einbrachte. Mit anderen Worten: SpaceXs KI-Geschäft ähnelt eher einem Rechenleistungsvermieter wie CoreWeave als einem Modellverkäufer wie Anthropic. Andererseits sank Teslas Gewinn im zweiten Quartal in Folge, Musk zeigt offenbar wenig Interesse an gewöhnlichen Autos und verlagert den Schwerpunkt auf Robotik und selbstfahrende Taxis.
Die beiden Unternehmen haben längst Augenrollen gegen einander geworfen – im übertragenen Sinn sind sie sich schon lange zugeneigt. SpaceX kaufte Cybertrucks im Wert von 131 Millionen US-Dollar, die sich nicht verkaufen ließen, und warf gemeinsam zwei KI-Projekte auf den Markt: Terafab – die Fabrik, die Musk in Texas selbst bauen und die Chips für das eigene Unternehmen liefern soll, mit Intel als Partner; sowie Macrohard – ein KI-Vorhaben, das angeblich „die Software, die Microsoft bereits entwickelt hat, simulieren“ kann. Doch die S-1-Unterlage gibt selbst zu, dass beide Projekte „in einem sehr frühen Stadium“ seien und „diverse Finanz-, geistige Eigentums- und Endterminfragen ungeklärt“ seien, und dass es „möglicherweise nie zu einer endgültigen Vereinbarung kommen wird“. Musk verkündete in der Telefonkonferenz, Terafab werde in der zweiten Hälfte von 2028 in Serienproduktion gehen und Mitte 2027 den ersten Testchip liefern; als ihn Analysten fragte, ob er bereits High-End-Fertigungsanlagen bestellt habe, wählte er Schweigen. Die Einschätzung von Reuters fiel spöttisch aus: Der Chef habe eine historisch belegte Neigung, Zeitpläne aufzustellen, die seine Unternehmen dann nicht einhalten können.
Der Finanzkolumnist Matt Levine hat den praktischsten Grund für die Fusion auf den Punkt gebracht. Musks Unternehmen konkurrieren alle um dieselben knapp bemessenen Nvidia-Chips; würde man sie zu einem einzigen verschmelzen, könnte daraus möglicherweise die beste generelle KI entstehen – und angesichts der derzeit stattfindenden massiven KI-Infrastrukturwelle gilt: „Sobald du das Wort Nvidia erwähnst, wirft man dir Geld zu.“ Er beschrieb die Fusion als einfache Lösung zur Beseitigung von Interessenkonflikten: Derzeit ist der Bau von Robotern für Tesla nützlich, aber für SpaceX schädlich; der Bau von Rechenzentren ist umgekehrt. Musk kann nicht gleichzeitig die Interessen beider Seiten an erste Stelle setzen. Durch die Fusion zu einem einzigen Unternehmen hätte er künftig nur noch eine einzige Mission: den Wert dieses gewaltigen KI-Konglomerats zu maximieren. Er erinnerte aber auch daran, dass genau weil die beiden Unternehmen sich so stark überschneiden und gerade wegen KI fusionieren sollten, dies zugleich ein kartellrechtlicher Grund gegen die Fusion ist. Bloomberg berichtet, es gebe einen Drang, das Geschäft in der ersten Hälfte von 2027 – also noch während der Amtszeit der aktuellen Regierung – anzukündigen und den Abschluss vollziehen zu wollen.
Die Kontrolle ist der Scharnierpunkt dieser Partie. Musk hält bei SpaceX über 50 % der Stimmrechte – dank Super-Vorzugsaktien – und ist dort gleichzeitig CEO, CTO und Vorstandsvorsitzender; bei Tesla hingegen hat er nur etwa 20 % der Stimmrechte. Würde SpaceX als Käufer in einem Aktientausch-Deal auftreten, würde Musk auf einen Schlag die Stimmrechtskontrolle über den gesamten Gesamtkonzern erlangen – die Rechtswissenschaftlerin Ann Lipton weist darauf hin, dass Tesla bereits börsennotiert ist und er die Stimmrechtsstruktur nicht mehr ändern kann; die Fusion ist „der einzige Weg, wie er die Kontrolle erlangen kann“. Und da beide Unternehmen in Texas registriert sind, wird die Hürde für Aktionärsklagen zusätzlich enorm erhöht.
Auch beim Geld ist die Rechnung clever aufgemacht. Bloomberg schätzt, dass die Fusion Musks Nettovermögen um 110 Milliarden US-Dollar erhöhen könnte. Noch subtiler ist die Verzahnung mit jenem beispiellosen Tesla-Vergütungspaket: Rechtlich gesehen verfallen die operativen Meilensteine im Vergütungspaket, sobald ein Kontrollwechsel eintritt – entscheidend ist also die Bewertung von Tesla. Wenn SpaceX 2 Billionen US-Dollar oder mehr bietet, kann Musk direkt 6 Milliarden US-Dollar an Aktien einstreichen, zudem früher an die aus dem Vergütungspaket von 2018 stammenden, eigentlich erst 2028 fälligen Anteile kommen und sich früher auszahlen lassen. Die Kosten however werden den SpaceX-Aktionären aufgebürdet – einer Analyse zufolge könnten die Investitionsausgaben im vierten Quartal nach der Fusion auf fast 50 Milliarden US-Dollar klettern, was die Einnahmen der beiden Geschäftsbereiche bei Weitem nicht abdecken, sodass die bestehenden SpaceX-Aktionäre massiv verwässert würden.
Letztlich geht es bei Musks Geschäften nie nur um Zahlen, sondern darum, wie sehr der Markt dem Symbol „Elon Musk“ vertraut. Teslas Bewertung liegt ohnehin weit über der eines normalen Autokonzerns, und wer mitmacht, weiß genau, was er unterschreibt. Wenn die Sonderausschüsse nun hinter verschlossenen Türen beraten, bleibt nur die Zeit als Richterin darüber, ob dieses Experiment, Autos, Raketen, Satelliten und KI in denselben Käfig zu stecken, ein sorgfältig kalkuliertes Kapitalschachspiel ist – oder wieder einmal ein Abenteuer, das allein vom Glauben getragen wird.